Den Bericht fand ich total genial und wollte Euch diesen nicht vorenthalten>
Heute, 7. November 2006 12:28 Uhr -- Erst einmal danke an alle, die sich an der kleinen Assoziationsrunde beteiligt haben.
Ohne große Umschweife möchte ich zu meiner Definition von Web 2.0 kommen. Der Begriff ist natürlich in erster Linie eine Hülle, ein Container, ein memetischer Träger oder ein verbales Vehikel. Der Begriff ist neu und alt zugleich. Er setzt sich zusammen aus dem Begriff “Web” - das was wir im Grunde alle kennen, der Küchenbegriff für das Internet - und der Versionsnummer 2.0, die zumindestens die technisch affinen Menschen von Softwareapplikationen her kennen. Der Begriff “Neues Web” oder “New Web” wäre denkbar schlecht gewählt gewesen, weil wir unter dem Trauma “New Economy” leiden und uns die Begrifflichkeit zu schmerzlich daran erinnert. Tim Reilly hat den Begriff “Web 2.0″ erfunden, prägen tun ihn jedoch die Menschen, die ihn fortan verwendet haben. So wie ihr eben auch. Wenn wir also von dieser Begriffsdefintion als Container ausgehen, müssen wir uns fragen, was ist dann bitte das Web 1.0 - das Urweb?
Die Grundintention des Webs war es menschliche Kommunikation mit Hilfe von einfache Informationseinheiten über jedwede Distanz hinweg zu verbinden. Jedoch nicht wie beim morsen und telefonieren zwischen zwei Teilnehmern, sondern zeitunabhängig zwischen mehreren Menschen. Das Web sollte also dazu dienen Informationen auszutauschen und diese dauerhaft zu archivieren. Es sollte ein Abbild des kollektiven Unterbewusstsein werden, ein gigantischer virtueller Mensch, dessen Wissen wir jederzeit abrufen können. Radio und TV sind im Gegensatz dazu reine Informationsstreuer, denn sie erlauben es nur wenigen Menschen mit einer Vielzahl von anderen Menschen zu kommunizieren. Es sind zudem keine dauerhaften Wissensspeicher. Sie sind sozusagen ein Abbild unseres Bewusstseins, welches flüchtig ist. Radio und TV sind sozusagen der Frontalunterricht von Medien. Doch auch sie sind im Zussammenhang mit der Grundintention des Webs nicht überflüssig, sondern sie können sinnvoll mit einfließen, indem man z.B. die Archive von TV und Radio im Web zugänglich macht.
Das Web lädt prinzipiell jeden dazu ein mitzumachen und mitzukommunizieren. Also den großen virtuellen Kopf mit Wissen zu füttern. Denn ohne Input gibt es keinen Output. Jedoch erwies sich das anfänglich als gar nicht so einfach. Zu viele Barrieren, technische Voraussetzungen und finanzielle Anschaffungen waren nötig, um an diesem kollektiven Kommunikations- und Wissensnetz teilzunehmen. Erst nachdem sich auch in den anderen elektronischen Bereichen der Fortschritt bemerkbar gemacht hat (PC, Modem, Provider etc), wurde das Web massentauglich und damit auch für Unternehmen interessant.
Doch im Gegensatz zum technischen Fortschritt, blieben die menschlichen Kommunikationsgewohnheiten einfach stehen bzw. kamen nicht der Idee und des technischen Fortschritts des Webs nach. Unternehmen sprangen auf den Zug mit Namen “New Economy” und kauften sich für viel Geld riesige, virtuelle Anzeigenflächen, da sie ja bisher nur aus den Frontalmedien kannten. Zwei Dinge die sich also im Grunde widersprechen. Gleichzeitig träumten die Macher der “New Economy” von gigantischen Geschäftsmodellen mit Bewegtbildern, Communities und haste nicht gesehen. Fakt war aber, diejenigen, die das Web eigentlich benutzen sollten, hatten noch gar keine Ahnung davon, WIE sie es benutzen sollen. Vergleichbar mit den ersten Menschen, die vor dem Fernehgeräten saßen und sich extra dafür schick angezogen hatten, weil sie glaubten die Sprecher im Fernseher könnten sie auch sehen.
Die Blase der New Economy wuchs und platze am Ende mit lautem Knall. Wichtig dabei war jedoch, dass der Grundgedanke des Webs damit nicht aufgegeben wurde. Die Spreu trennte sich vom Weizen. Die Menschen mit Leidenschaft im Hintern blieben am Ball und glaubten weiterhin an die großartigen Möglichkeiten des Webs. Es wurde relativ still und während sich viele ihre Wunden leckten, bauten sich wenige Unternehmen bombastische Marken auf, schließlich hatten sie nun genug Raum und Zeit dazu. Amazon, ebay und Google etc. blieben beständig bei der Sache, trotz lange Jahre voller roter Zahlen. Auch wenn man sie heute zu den “Bad Guys” zählt - Erfolg macht halt neidisch - ihre Grundintention blieb idealistisch, mit klarem Hinblick auf die Grundintention des Webs. Und am Ende zahlte sich ihre Beharrlichkeit aus. Immer mehr Menschen strömten in das WWW. Sie entdeckten das Potenzial und die Vielfalt, die das Medium zu bieten hat. E-Mails waren von nun an das begehrteste Kommunikationsinstrument. Nach und nach wuchsen die Bandbreiten der Datenübertragung aus Modem wurde ISDN, dann folgte DSL in immer höher werdenden Stufen, gleichzeitig sanken die Kosten dafür im Preis-/Leistungsverhältnis. Internet wurde nun im westlichen Kulturkreisen nahezu von jedem bezahl- und nutzbar.
Video und Audio - beides Datenfresser - konnten nun durch die Bahnen des WWW empfangen und gesendet werden. Neuartige technische Applikationen auf Basis der Simplizität machten es auch dem größten Technikmuffel möglich, im Internet zu kommunizieren. Man musste nicht mehr das Morsealphabet beherrschen um zu kommunizieren. Die damals aufwendig zu programmierenden, blinkenden HTML-Seiten wurden von den leicht zu fütternden Weblogs ersetzt. Weblogs sind also im Grunde nichts anderes als die damals teilweise obskuren Seiten auf Geocities. Weblogs sind aber eigentlich auch nur technische Instrumente. Wie sie inhaltlich gefüttert werden, bleibt jedem selbst überlassen. Zu welchen Zwecken man sie einsetzt eben auch.
Bei der Entstehung der Blogosphäre stellte sich zudem heraus, dass es tatsächlich Menschen gibt, die auch etwas interessantes zu sagen haben. Dinge die anderen dabei helfen dazuzulernen. Wikis sind ebenfalls solche Tools. Dank Wikipedia lerne ich täglich etwas neues dazu. Es ist ein mächtiges Tool, welches gemeinschaftlich errichtet wurde. Doch zurück zu den Blogs. Am Anfang bewegten sich darin euphorisierte Idealisten, die sich ihre kleine kuschelige Welt mit revolutionären Ansätzen erträumten. Sie wollten eben nicht nur über ihre Haustiere und Liebschaften plaudern, sondern sich mit anderen Menschen zu Themen frei und offen und subversiv austauschen. Doch dann kam der böse Kommerz … Wie ich den Assoziationen entnehmen kann, wird der Web 2.0 Container ja deutlich negativ gefüllt. Es ist nicht der Begriff sondern es sind wir, die wir ihm die Bedeutung geben. Komischerweise von uns Leuten, die eigentlich an die Intention des Webs glauben - sonst wären wir nicht hier. Wir sind also die Verfechter der Grundintention und wir wollen diese im Grunde auch manifestieren. Jedoch kommt uns immer wieder der “böse Kommerz” dazwischen und wir suchen uns einfach neue Spielwiesen, lasst damit aber auch unaufgeklärte Mitmenschen zurück, die nun von Unternehmen mit Werbung zugekleistert werden können. Und anschließend beginnt das Spiel von vorne. Denn was viele von uns einfach nicht begreifen, der Kommerz (französisch für Handel) ist ein Teil von uns allen, wir haben ihn schließlich einmal erfunden. Ohne Handel säßen wir nicht hier, ohne Handel müssten wir alle unsere eigenen kleinen Bauernhöfe bewirtschaften und im Grunde wie Amish-People leben (aber bitte nur mit iPod um den Hals).
Wieso akzeptieren wir den Handel nicht, betrachten ihn auch mal als etwas positives, als etwas gestaltbares. Denn wir sind Kunden - wir entscheiden immer noch selbst was wir kaufen, was wir brauchen, wovon wir verführt werden wollen. Trotzdem geben wir der Werbung Schuld: Sie manipuliert uns, flüstert uns ein. Wer ist letztendlich für meine Handlungen verantwortlich?
Wir sollten also mal versuchen nicht gleich wieder wegzulaufen, sondern die gegebenen Tools zu nutzen, um den Markt mitzugestalten. Was wir von Unternehmen derzeit fordern ist völlig uneinlösbar. Wir fordern Glaubwürdigkeit, dabei wollen wir am Ende doch beschissen werden, zumindestens kommunizieren wie es andauernd, denn wir erwarten ja von Unternehmenm, dass sie uns bescheissen. Die gute alte self-fulfilling prophecy…
Wenn heute rein hypothetisch ein Unternehmen bereit wäre, die reine Wahrheit (wenn es sie denn gibt) zu sagen, wir würden es ihnen trotzdem nicht glauben. Weil wir es einfach nicht glauben wollen. Wenn ein Unternehmen also die Türen öffnet, um echte Dialoge zu initiieren, dann werdet wir diese Türen pöbelnd einrennen, denn der Frust der sich seit Jahrhunderten angesammelt hat, kann endlich abgelassen werden. Wir verlangen außerdem Perfektionismus von einem menschlichen Konstrukt. Unternehmen sind Menschen - Unternehmen werden von Menschen geprägt. Es sind keine Maschinen. Witzigerweise habe ich diesen Satz mal an die Unternehmen und Werber gerichtet. Kunden sind keine Maschinen. Aber dieser Satz gilt eben tatsächlich auch für beide Seiten. Wir sollten langsam begreifen, dass wir doch alle das gleiche wollen. Wir wollen mit Respekt behandelt werden. Kommunikation auf Augenhöhe. Das große Cluetrainversprechen. Wie können wir das aber erwarten, wenn wir anderen nicht mit Respekt entgegentreten oder nicht wenigstens dafür offen sind? Was wir jetzt tun wollen ist den Spieß umzudrehen. Wir wollen an die Spitze der Top-Down-Kommunikation. Wir wollen keinen Dialog, WIR wollen jetzt die Botschaften diktieren. Wird daraus ein Schuh?
Web 2.0 ist für mich die Chance und die Pflicht auch in der Kommunikation etwas zu bewegen. Menschen zusammenzubringen - vielleicht am Anfang etwas lächerlich erscheinend durch Freundschafts- oder Interessensportale. Lasst uns doch lieber gemeinsam Dinge gestalten, anstatt gemeinsam Dinge schlechtzureden. Lasst uns den Dialog nicht nur als Lippenbekenntnis betrachten. Unternehmen haben es nunmal nicht anders gelernt, wieso bringen wir es ihnen nicht einfach vernünftig und mit gewissem Respekt bei? Unternehmen werden nämlich sonst auch weiterhin nach altem Muster vorgehen, denn sie bekommen keine Alternativen aufgezeigt, sie werden nur angepöbelt, gleichzeitig kaufen wir aber trotzdem ihre Produkte. Das ist ein irrsinniges Spiel was wir da spielen. Unternehmen erhalten das Signal: Unsere alten Methoden funktionieren, Leute motzen, kaufen unsere Sachen trotzdem, wenn wir sie nur lange genug penetrieren. Warum sollten sie ihre Kommunikation ändern? Wo besteht ihr Handlungsbedarf? Wir motzen - ändern aber nichts an unserem Verhalten und noch schlimmer, wir wollen die Rolle der alten Botschaftsender übernehmen.
Wir wollen Werbung - also die Kommunikation von Unternehmen verändern? Dann lasst uns sie gestalten - dann fangen wie bei uns selbst an, die Tools dafür haben wir ja jetzt. Fangt an zu sagen, was ihr von unternehmen wollt. Was ihr wirklich wollt. Vielleicht sollte der mündige User eher zu einem handelnden User werden. Keinen Bock? Besseres zu tun? Wer wie wir die Zeit hat sich hier oder da zu äußern, Energie verschwendet um sich über dies oder das aufzuregen, der hat auch die Zeit sich zu ändern und etwas zu bewegen. Es ist bequemer nur zu kritisieren, dann sollten wir uns aber bitte nicht über den bösen Kommerz, über schlechte Spots oder das Leid dieser Welt beschweren. Das Beschweren gaukelt uns nämlich nur vor, dass wir unabhängig dieser von uns als ungerecht bewerteten Umstände sind. Dabei sind wir mittendrin. Diesmal können wir es aber ändern, es gestalten nicht nur einreißen.
Kreativität ist eigentlich ein schöpferischer Akt. Ich würde mir daher wünschen, wenn wir den Container “Web 2.0″ mit etwas für uns sinnvollem füllen, denn auch der Begriff lässt sich mitgestalten. Ich würde mir wünschen, dass wir den Handel akzeptieren - in welcher Form auch immer - wir können ihn ja auch mitgestalten.